Eine Vortragsreihe über Kunst, Wirtschaft und Gestaltung.
HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg

 

09.05.18        Tobias Kaspar

 

16.05.18        Armin Chodzinski & Steffen Zillig

 

31.05.18        KIRAC (Kunstkritikerduo, Amsterdam, NL)

Kunst und Wirtschaft

 

Das Modell des/der Künstler*in als Bohémien ist ausgelaufen. Im Widerstand gegen die Bourgeoisie gibt es nichts mehr zu gewinnen. Die Informationsgeschwindigkeit bewirkt, dass jeder Erfolg am Rande sofort von der Mitte verschlungen wird. Künstler*innen können den Mainstream nicht mehr umgehen und sind gezwungen sich zu professionalisieren, um eine allzu marginale Existenz zu vermeiden. Diese Professionalisierung zeigt sich in einer Verschiebung von der Geste zum Plan. Das „Konzept“ ist, neben der bloßen Idee, eine ökonomische Strategie, um etwas zum Laufen zu bringen, zu realisieren. Nicht das Atelier, sondern ein Büro ist das Zentrum des Schöpfens, dort werden die Arbeiten ausgedacht und von da aus wird ihre Realisierung gemanagt. Zeitgenössische Künstler*innen verfügen über ein Netzwerk von Lieferant*innen und Werkstätten, das jeweils aktiviert werden kann, wenn die Finanzierung geklärt ist. Und wenn das Geschäft erst läuft, dann gibt es sogar die Aussicht auf die eigene Werkstatt oder Personal.

Ähnlichkeit zwischen künstlerischer und wirtschaftlicher Praxis zeigt sich auch auf der Ebene der Idee selbst: Unternehmer*innen finden eine Marktlücke und die Arbeit ist die wirtschaftliche Nutzbarmachung dieses Fundes. Auch bei Künstler*innen ist immer öfter ein Fund der Auftakt für die Arbeit.

Der Anfang ist am schwersten. Künstler*innen müssen sich neben dem Machen des Kunstwerks vor allem auch um das Sichtbarmachen kümmern. Wenn sie diese meist umfassenden und erschöpfenden PR-Aktivitäten (überzeugendes Portfolio, Webseite, vernünftiger Instagram-Auftritt, sich bis zur totalen Verzweiflung für Stipendien, Wettbewerbe und Ausstellungen bewerben) nicht leisten können, ist es vorbei. Künstler*innen müssen sich, wie Unternehmer*innen, als Jack of all Trades beweisen können. Und nachdem man versteht, wie der Hase läuft, kann daran gedacht werden, wie man andere für sich laufen lässt: Das ist die Geburt der Professionalität.

 

Wirtschaft und Gestaltung

 

Über den Verband zwischen Wirtschaft und Gestaltung kann man sich kurz halten: er ist vom Anfang der Gestaltung an eine eigenständige Disziplin. Gestaltung ist eine Abspaltung des Handwerks. Handwerker*innen haben ursprünglich die gestalterischen Konventionen mit ihren eigenen Händen ausgeführt, aber im Zuge der Industrialisierung ist der Kopf von der Hand getrennt worden, und es gibt nun Entwerfer*innen und diejenigen (oder Maschinen), die den Entwurf realisieren.

 

Gestaltung und Kunst

 

In diesem Sinne haben Gestalter*innen einen Vorsprung von gut einem halben Jahrhundert auf die Künstler*innen. Aber so wird die Sache nicht wahrgenommen. Immer haben Gestalter*innen mit heiliger Scheu auf die Künstler*innen geschaut: die Kunst war schließlich die Praxis, worin das Neue sich als erstes zeigte. Dadurch, dass Gestaltung in der Regel auf eine externe Frage reagiert, und dass diese Frage meist auf wirtschaftlichen Grundlagen gestellt wird (etwa Informationen für die Öffentlichkeit aufzubereiten), wird implizit nach einer Mainstream-Antwort gefragt. Manchmal tatsächlich im Sinne eines Durchschnitts, manchmal kommt die Frage auch von einer kulturellen Gruppe mit eigenen Codes, sei es eine Punk-Band oder ein Museum. Es kommt sehr selten vor, dass von der Gestaltung etwas wirklich Neues verlangt wird: meistens ist es “wie so-und-so, aber auf mich angepasst”

Gestaltung kann nie weiter kommen als cutting edge, die Mode von heute ist ihre absolute Grenze. Wenn Gestalter*innen diese überschreiten, sind sie in eine andere Domäne geraten. Jedoch haben Gestalter*innen vom Anfang an von dieser Entfesselung geträumt, wie die Fotograf*innen: Befreiung vom Angewandten. Dazu werden künstlerische Strategien und Herangehensweisen angewendet. Zum Beispiel in der Definition des Begriffs Konzept, wie beschrieben von Sol Lewitt in Scentences on Conceptual Art (1969). In Satz 16 der zweiten Version schreibt er: Irrational thoughts should be followed absolutely and logically. Was in der finalen Version zum Satz 28 wird: Once the idea of the piece is established in the artists’ mind and the final form is decided, the process is carried out blindly. The are many side effects that the artist cannot imagine. These may be used as ideas for new works. Das einfache Durchziehen einer irrationalen Idee und die Konsequenzen als gefundene Ästhetik willkommen zu heißen, ist im angewandten Bereich schon längst angekommen. Im grafischen Bereich ist redaktionelle Gestaltung hiervon ein gutes Beispiel: der/die Gestalter*in beansprucht Entscheidungsraum auf redaktioneller Ebene, d.h. auf Entscheidungen, die der Gestaltung voraus gehen und ursprünglich einen rationellen Charakter hatten. Er/sie nimmt praktisch Aufgaben wahr, die ursprünglich dem oder der Auftraggeber*in vorbehalten sind und außerhalb des Feldes der Gestaltung liegen.

So entsteht eine Gestaltungspraxis, bei welcher der/die Gestalter*in mittels Vorschlägen seinen Auftraggeber*innen beim Nachdenken über den Auftrag assistiert. Der Vorschlag des/der Gestalter*in kann sofort ein Treffer sein, aber auch der Anfang eines mühsamen Prozesses, bei dem es dem/der Auftraggeber*in erst Schritt für Schritt klar wird, was er/sie eigentlich will.  Oder der/die Gestalter*in hat einen derartigen Status, dass der/die Auftraggeber*in einfach sofort akzeptiert, was vorgeschlagen wird.

Wie dem auch sei – mit dem Aufmarsch des Konzepts im Gestaltungsbereich hat sich das Spannungsfeld zwischen Auftraggeber*in und Auftragnehmer*in verändert. Für die Kunst bedeutet das Konzept den Aufmarsch von Gestaltung in ihr Feld. Gegenwärtige Konzeptkunst ist gestaltete Kunst.

Im Atelier von Robert Longo sieht man Bilder im Format A3 als Vorgabe an die Wand geklebt, daneben, im Entstehen, die großen Kohlezeichnungen. Alle Entscheidungen werden bis ins Detail am Rechner getroffen. Das Abzeichnen mit Kohle als manuelle Vergrößerung ist letztlich nur ein Aufwertungsakt. Museen und wohlhabende Sammler*innen bezahlen viel Geld für eine Zeichnung, die aussieht, als ob sie gedruckt wäre, und das gleiche Motiv gibt es tatsächlich gedruckt im Wohnzimmerformat (‚Orginal-Pigmentdruck‘ in limitierter Auflage) für ein niedrigeres Marktsegment.

Zusammen mit dem Verschwinden der Bohémiens verliert auch das klassische Künstlerbuch – das Buch als Teil einer künstlerischen Praxis und als ein Kunstwerk an sich, dessen Autor*in (Künstler*in) und Gestalter*in ein und der/dieselbe ist – an Aktualität und Wirkungskraft. Die Präsentation einer Arbeit verschiebt sich in Richtung Repräsentation von Arbeit(en) in von der/des Künstler*in selbst oder beauftragten Designer*innen gestalteten Katalogen / Portfolios / Monographien, die den public relations des/der Künstler*in dienen. Auch kann die Repräsentation in Magazinen oder Internet-Blogs stattfinden, die von einem oder mehreren Künstler*innen herausgegeben werden. Sie funktionieren wie eine Kneipe oder ein Stammtisch, wo man einerseits Freund*innen und Geistesverwandte zum Gespräch und Austausch einlädt, andererseits aber auch gegenseitig seine Sichtbarkeit erhöht. Es findet also eine Entwicklung statt, die vom Künstlerbuch zum künstlerischen Publizieren führt. Die eingeladenen Sprecher*innen beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem künstlerischen Publizieren oder sie publizieren über das Verhältnis zwischen Kunst und Wirtschaft.

*    ART INTO MAINSTREAM

Steve McQueen war als Videokünstler ein Geheimtipp für Kenner. Seitdem er aber seine Erfahrungen mit Videokunst in konventionelle Narrative integriert, ist sein Publikum exponentiell gewachsen. Seine Spielfilme (feature films) transportieren die Merkmale seiner  Kunst weg von einem Elitepublikum (Museum) hin zu einem Massenpublikum (Kino), wobei die ursprünglich künstlerischen Experimente ihre Integrität nicht verlieren. Seine Spielfilme wirken insgesamt besonders, ohne die Domäne des Mainstreams zu verlassen. Er wird vom Massenpublikum anerkannt und mit einem Oscar – dem Nobelpreis für Durchschnittlichkeit –  gekrönt. McQueen hat es vorbildlich geschafft, wie ein Surfer auf der Welle des Mainstream zu reiten.

*    MAINSTREAM INTO ART

Wenn Olafur Eliasson die Turbine Hall der Tate Modern in Hollywood-Manier in einen Tempel umwandelt, zieht er ein anderes, und viel größeres Publikum an, als das ein Museum normalerweise tut (und die Besucher benehmen sich dem Kunstwerk gegenüber auch anders als Museumbesucher sonst). Um im Mainstream überleben zu können muss das ‘Produkt’ eben nicht allzu besonders, sondern erkennbar sein. Das Besondere (Künstlerische) kann sich nur verhüllt zeigen, als etwas Konventionelles oder scheinbar Konventionelles. Die Arbeit am Rande der Konvention zu positionieren, löst Aufregung aus, was sehr produktiv sein kann; Bei etwas wirklich Neuem dagegen, das durch seine Unbekanntheit die Betrachter herausfordert, bleibt das große Publikum meist aus.

*    PROFESSIONALITÄT

ist ein mehrdeutiger Begriff. Erstens heißt es ‚beruflich‘. Das man also nicht etwas (nur) aus Leidenschaft (als Amateur*in) tut, sondern um damit Geld zu verdienen. Dieser Unterschied zwischen professionell und amateuristisch hat einen moralischen Aspekt: der/die (professionelle) Landwirt*in hat zwar auch einen emotionalen Bezug zu seinem Vieh, aber er/sie weiß schon, dass es als Wurst und Hackfleisch endet. Die Bestimmung des richtigen Moments der Schlachthausfahrt ist seine/ihre Professionalität im Sinne einer fachkundigen, fachgerechten Arbeitsweise. Daneben gibt es die Konnotation von Professionalität, die sich innerhalb einer Organisation abspielt, (einem Kollektiv von Menschen, das zur Verfolgung eines Ziels zusammenarbeitet.) Dazu muss man kommunikationsfähig sein. Professionalität ist demnach berufliche Fachkundigkeit und Kommunikationsfähigkeit.

Die Vortragsreihe wird von Prof. Wigger Bierma und Mitko Mitkov veranstaltet.

 

Kontakt: mail@xn--konomiederdinge-7sb.de

 

Text: Wigger Bierma

Redaktionelle Unterstützung: Raphael Dillhof

Webseite: Mitko Mitkov

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

 

© 2018  Alle Rechte den Autoren vorbehalten.